Die Liveticker-Manie

Die Welt ist doch ungerecht. Es gibt so viele schöne Ereignisse an denen wir gern teilnehmen würden, und können es aber nicht. ABER es gibt ja den Liveticker. Nicht mehr nur für Sport- und Börsenfreunde. Jetzt können wir fast alles live verfolgen. Den Angriff in Lybien, die Katastrophe in Japan, die Monarchenhochzeit in England und sogar den Tod Osama bin Ladens (nachdem er bereits getötet wurde).

Der Spiegel schickte fünf Reporter nach London zur Traumhochzeit von Willi&Kate und ließ zusätzlich acht weitere aus Hamburg berichten. Der Liveticker verrät, dass der Tag früh beginnt, dass es großes Gedrängel vor Westminster Abby gibt und dass sich zwei Schaulustige Bacon braten. Informationsgehalt gleich null. Aber das allgemein große Interesse rechtfertigt vielleicht diese Form der leichten Unterhaltung ohne qualitativen Anspruch. Viel schlimmer sind die aktuellen Liveticker vom Tod Osama bin Ladens. Der Stern hat einen und sammelt dort im 5-Minuten Takt alle News rund um den Tod bin Ladens. Seien es Vermutungen, Behauptungen oder Statements von Ländern, Parteien oder Politikern. Die Freude, die Vorwürde, neueste Enthüllungen über den Ablauf des Angriffs, es wird uns suggeriert wir würden das politische Geschehen auf der Welt live verfolgen können. Stimmt natürlich nicht. Aber ist das nicht Aufgabe eines Livetickers? Live dabei sein. Sofort erfahren, wenn sich was tut. Wenn es Grund zum Jubeln gibt. Oder Grund sich Sorgen zu machen. Weil die Börsenkurse bergab stürzen oder die Favoritenmannschaft das zweite Tor kassiert. Nun fiebern wir mit den Arbeitern von Fukushima und den Hochzeitsgästen der Familie Windsor. Der Liveticker funktioniert nur, wenn er schnell ist. Live eben. Eine schnelle Berichterstattung geht aber meist auf Kosten der Qualität. Gut Ding will Weile haben. Der Spruch passt hier natürlich nicht, aber eine gute Recherche ist im Journalismus nun mal notwendig. Immerhin verlassen wir Leser uns auf das Handwerk der Profis. Der Liveticker-Trend begründet sich vielleicht auf unserer Informationsgier und hat so auch seine Berechtigung. Bei einigen Themen verkraften wir das, aber wenn es um Krieg und eine Nuklearkatastrophe geht, dann hat das Live-Erlebnis auch etwas Morbides.

gb

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