Magdeburg halt!

Es hat sich viel getan in Deutschland. Noch vor ein paar Jahren war eine Stadt eine Stadt mit mehr oder weniger Reichtum an Sehenswürdugkeiten und Attraktivität. Es gab schöne und hässliche Städte und Regionen, arme und reiche, vom Krieg zerstörte oder eben nicht.

Heute ist das anders. Jede noch so kleine Stadt gräbt eine Figur aus ihrer Vergangenheit aus und macht diese zum wichtigen Akteur der Weltgeschichte. Magdeburg hat es neulich zur Ottostadt gebracht. Man gräbt und forscht sich durch das Erdreich und kommt schließlich zu dem Urteil, das Magdeburg vor ein- oder zweitausend Jahren einmal eine richtige Weltmetropole war. Jetzt ist alles gut, denn so legitimieren echte Wissenschaftler das schöne Gefühl des komplexbehafteten Bürgers, dass Magdeburg eine wichtige Stadt ist, was die Anderen nur noch nicht mitbekommen haben. Ehemals Dreh- und Angelpunkt eines Weltreiches, Ausgangspunkt der Christianisierung des Ostens und Ottos Lieblingspfalz. Das alles ergibt für Werber wie Politiker ein dankbares Motiv zur Identifizierung des Bürgers mit seiner Stadt. Hierbleiben ist das Motto, die Menschen sollen sich hier Arbeit suchen und mithelfen, die Stadt zu erhalten. Denn hier ist es schön und für alle wird gesorgt.

Dumm nur, dass das die meisten nicht sonderlich interessiert sind an den Dingen von vor 1000 Jahren. Und am wenigsten die unter 30-Jährigen. Vor allem die wollen abends gern entspannen, sich kulturell bilden, feiern, tanzen, oder auch einfach nur bei schönem Wetter ein Bier an der frischen Luft trinken. Doch soweit geht das Marketingdenken der Stadtoberen dann doch nicht. So konnte man in den letzten Jahren bereits erstaunt verfolgen, wie Magdeburger Bürger kriminalisiert wurden, wenn sie ein Bier auf dem Hasslebachplatz tranken. Zum Teil wurden die viel beschworenen Nachwuchskräfte in der Art von Drogendealern nach Bierflaschen durchsucht, wobei selbst viele Polizisten sich für ihr Tun entschuldigten. Diese Tage sind vorerst vorbei aber die Stadt arbeitet nach eigenem Bekunden daran, die gesetzlichen Grundlagen wieder einzuführen.

Aber dieses Jahr läuft es anders. Man hat es nun auch auf die Konzert-Locations am Hassel abgesehen. Nachdem bereits im Frühjahr dem RIFF nur noch ein Konzert im Monat erlaubt wurde droht das Gleiche nun dem Café Central. Somit sind die beiden wichtigsten Konzertveranstalter im Zentrum faktisch ruhig gestellt. Dabei ist besonders das Central eine einzigartige private und für die Stadt daher kostenlose Kultureinrichtung, in der sich viele der wenigen Kreativen der Stadt zu Hause fühlen. Wir betreiben das Café mit einigen Partnern ehrenamtlich und nicht gewinnorientiert seit fast drei Jahren. Aus eigenen Mitteln, aus eigener Kraft. Doch anstatt uns einen Eintrag ins Goldene Buch der Stadt anzubieten werden wir wie Störenfriede behandelt. So wird der kleine Ansatz von Subkultur in Magdeburg zerstört und wir müssen uns mit häufigen Besuchen des Ordnungsamtes und der Polizei auseinandersetzen. Der Frust steigt!

Dabei hat die Stadtverwaltung gerade erst den nächsten Marketing-Coup auf die Agenda gehoben: man will Kulturhauptstadt 2020 werden. Wie das mit der systematischen Untersagung von Konzerten zusammengeht ist noch nicht klar. Vermutlich denkt man bei der Kulturhauptstadt an – Achtung(!): Hochkultur. Na dann…

Zum Schluss noch ein kurzer Blick auf den ganz großen Bruder im Osten: Berlin. Da haben sie auch ihre Probleme aber es gibt einen Bürgermeister, der  in einem kurzen Statement im Rahmen der Kampagne „Make it a Million!“ für Berlin und dessen Facebookseite wirbt. Allein das zeigt, wie sehr man dort junge und kreative Menschen schätzt und ernst nimmt. Noch wichtiger ist aber sein Statement zu den „jungen Menschen, die hier herkommen, weil hier die Kreativität möglich ist, die sie an anderen Orten nicht finden.“

Ich finde ein besseres Marketing kann eine Stadt nicht haben, weil es mit den Menschen von heute umgeht, nicht mit denen von vor 1000 Jahren. Prost Wowi!

Hier der Link zum Wowereit-Video:

http://www.wuv.de/nachrichten/digital/wowereit_startet_facebook_kampagne_make_it_a_million_fuer_berlin

(dk)

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7 Antworten

  1. Die Festlegung auf den alten Otto zeigt doch auch die Zielgruppe: Touristen als zukünftige Ressource. Dabei natürlich nur die, die nach 18.00 zum Essen gehen und dann ins Bett.

    15/08/2011 um 12:29

    • US

      Kultur in Magdeburg ist für die alte Rechenschiebergeneration eben nur Kultur P50. Und Jugendliche sind halt nur Störenfriede.
      Ich sag nur „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“. Für die alten Menschen heißt das wahrscheinlich :“Meine Hütte ist friedlich und die da in den Kneipen (Paläste der Kultur) das sind die Bösen. Die lassen uns Rentner nicht in Frieden schlafen.“
      Irgendwie traurig für diese Stadt, anstat frof zu sein, dass es hier noch ein paar Bürger aushalten und nicht Richtung alte BRD verschwinden……

      15/08/2011 um 15:00

  2. Amara

    Grundsätzlich verstehe ich den Ansatz der Otto-Kampagne, da wir wirklich eine stärkere Identität gebrauchen könnten, aber ich muss dem Artikel dennoch voll und ganz zustimmen! Ich hab eine Weile in Südeuropa gelebt und ich muss sagen an den Marketern unserer Stadt ist so einiges vorbei gegangen! Eine Stadt muss noch nicht mal groß wie Berlin sein um attraktiv zu wirken! Auf die Qualität kommt es an! So sind 19.000 Studenten im Verhältnis zu 250.000 Einwohnern noch stark ausbaufähig (im Vergleich zu anderen Städten dieser Größenordnung)! Und auch unser Zentrum läd leider keineswegs zum Verweilen ein, sondern ist nur zum Durchfahren konzipiert. So viele breite Magistralen brauchen wir nicht! Die Menschen, die chillig und konsumlustig unsere Straßen und Cafés und Bars füllen könnten – Leute ziehen bekannterweise Leute an – sind eingepfercht in einem Einkaufscenter, das Einkaufen nicht zum erlebnisreichen Schlendern sondern schnellen Abfertigen macht. Es ist alles mit einander verbunden. Man muss Menschen die Möglichkeit geben Lust auf Genuss zu bekommen – jenseits vom amerikanisiertem Lebensstil – und ihn auch zu leben, dann wird unsere Stadt den demographischen Wandel auch heil überstehen!

    15/08/2011 um 15:09

  3. …und genau darum darf Magdeburg auf keinen Fall Kulturhauptstadt werden! Weil das ein Schlag ins Gesicht aller Kulturschaffenden der Welt wäre!
    „…ich bin dann mal weg…“ wird man also immer wieder – und zurecht – hören.

    15/08/2011 um 18:11

  4. Ich glaube, man sollte hier nicht durcheinanderwerfen, wie in der Stadt MD mit tatsächlich vorhandenen kreativen Denkern und Akteuren umgegangen wird und ob die Stadt MD es verdient hat, Kulturhauptstadt zu werden oder nicht.
    Der Umgang mit dem Nachtleben ist problematisch, das ist völlig klar. Aber das hat nichts damit zu tun, dass die Stadtoberen sich in ihrer Ottokampagne ausschließlich auf die Generation 50+ stürzen und alles andere verdrängen wollen – denn wie schon im Blogeintrag angedeutet, gibt es diese Ruhestörungs-/ Einschränkungspolitik ja schon viel länger. Leider ist es offenbar so, dass der Einfluss auf die Politik von Seiten der jungen Generation nicht stark genug ist, was viel mit den Personen in der Stadtverwaltung zu tun hat und wenig mit den Akteuren in der Kulturszene.
    Was man jedoch auf keinen Fall machen darf, ist meiner Meinung nach die Marketingkampagne der Stadt und die Behandlung der „Kulturschaffenden“ (tolles Wort, nicht?) gegeneinander auszuspielen nach dem Motto „wenn die Stadt die junge Kulturszene so behandelt, hat sie’s auch nicht verdient, Kulturhauptstadt zu werden“. Im Gegenteil, dieser merkwürdige Umgang mit dem Kulturleben sollte Anlass sein, die Diskussion zu suchen mit den Verantwortlichen – und das muss nicht immer der Kulturbeigeordnete oder sein Vorgesetzter sein, sondern darf gern auch unterhalb dieser Hierarchiestufe ansetzen.

    Nun klingt das etwas so, als würde ich Kritik am Blogeintrag üben, so ist es aber nicht gemeint. Ich versuche eigentlich nur zu sagen, dass man nicht schmollend in der Ecke sitzen sollte, während die Stadt a) ihre Kampagne fährt (zu der man sicher unterschiedlicher Meinung sein kann) und b) die abendlich-nächtliche Kulturszene immer weiter einschränkt. Man sollte der Stadt diese abendlich-nächtliche Kultur regelrecht aufzwingen, indem man beispielsweise immer wieder mal Verantwortungsträger einlädt und darauf aufmerksam macht, dass es noch mehr gibt, als die Veranstaltungen in Räumlichkeiten der MVGM und des Theaters.
    Das richtet sich aber weniger an die Schreiber des Blogbeitrags als vielmehr an manchen Kommentator über mir.

    15/08/2011 um 21:53

  5. joe

    Ich wohne schon ewig in Magdeburg und habe leider immer nur negative Erfahrungen Hasselbachplatz am Wochenende machen können, als es noch kein Alkoholverbot gab.
    Pöbelnde jugendliche, besoffene jugendliche die im Klappstuhl im Kreisverkehr saßen und ihn blockierten, überall Glassplitter. Sonntags morgens schonmal am Hasel gewesen? Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld. Das ist frustrierend! Das hatte nichts mehr mit Feiern, Spaß haben oder gemütlich nen Bier trinken zu tun. Seit dem Verbot ist alles geordneter geworden. Am Hassel kann man doch immernoch gemütlich ein Bier in irgendeinem Lokal dort trinken. So What?

    16/08/2011 um 00:40

  6. Interessanter Artikel. Bin in Magdeburg und Umgebung aufgewachsen und wohne, nach ein paar anderen Stationen, jetzt in Berlin.
    Ich kann vieles nachvollziehen was hier geschrieben wird. Gerade das Stadtmarketing in MD wirkt wie vor 20 Jahren.
    Eine Kleinigkeit möchte ich gerne ergänzen: Auch in Berlin werden Locations in „schöner“ Regelmäßigkeit dicht gemacht. Die Liste ist sehr lang, die Begründungen sind die üblichen. Das ist anscheinend nicht nur in Magdeburg ein Problem.

    18/08/2011 um 10:28

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