Virales Fundstück aus Dänemark

Ein dänisches Werbevideo hat in den letzten Tagen auch seinen viralen Weg nach Deutschland gefunden, und erfreut sich großer Beliebtheit:

„Byturen“ auf www.byturen.com

Auf den ersten Blick ähneln die farbenfrohen Hochglanz-Bilder, in denen fröhliche Party-Menschen ihrem Club-Abend fröhnen, der deutschen „Alkohol? Kenn dein Limit“-Kampagne und man wartet darauf, dass der Text „Sie feiert heute hemmungslos – Er stellt sie morgen nackt ins Netz“ eingeblendet wird.
Aber das Video kann viel mehr, bewegt man nämlich den Mauszeiger über die schönen Bilder, verwandelt sich das ansprechende Ambiente in triste Umgebung und die gut gestylten Menschen in mitleidserregende Kreaturen. In völlig betrunkenem Zustand vermasseln sie all die tollen Gelegenheiten, die sich ihnen bei der cleanen Version bieten: Statt Flirt hagelt es Abfuhren, statt sexy Dance wird über den Fußboden gekraxelt und auch der Gang zur Toilette entpuppt sich als organisatorische Meisterleistung. Unterteilt sind die verschiedenen Stationen der Partynacht in Uhrzeiten von 1:05 Uhr bis 6:14 Uhr, die man einzeln anwählen kann. Manche Darstellungen wie das Wand-Anpinkeln sind vielleicht etwas übertrieben, andere hingegegen wirken irgendwie erschreckend vertraut. So erscheint mir der Tanzstil von den Jungs in 2:17 Uhr ja beinahe als Standard vieler Studenten-Discos, wo gewöhnlich einiges an Bier von Nöten ist, bis man(n) sich auf die Tanzfläche traut, aber das nur am Rande.

Somit spricht die Kampagne schon inhaltlich besonders das junge Publikum an, das in Dänemark auch leider europaweit die Spitze des Alkoholmissbrauchs unter Kindern und Jugendlichen anführt (www.sst.dk).
Was den Clip aber so besonders und auch für andere Zielgruppen spannend macht, ist die interessant gewählte interaktive Steuerung. Wo sich viele sogenannte „Augmented Videos“ (ich finde die Bezeichnung etwas unpassend, vielleicht hat jemand eine bessere) im Online-Marketing noch darauf beschränken, dass man durch einen Klick den Fortgang der Story herbeiführen kann oder nach einmaligem Eingeben seines Namens irgendwann mal bei diesem genannt wird, ist hier durchängig der Zuschauer gefordert und wird mit abwechslungsreichen Darstellungen in die Geschichte eingebunden.
Für solch innovative Videos sind die Skandinavier wohl prädestiniert, erinnert man sich an eines der erfolgreichsten Virals überhaupt: „The Hero“ aus Schweden. Nach Hochladen eines Porträit-Fotos konnte man hier selbst zum Hauptdarsteller des Films werden (mittlerweile offline, Bericht z.B. auf www.pc-blog-berlin.de).
Die Zukunft zeigt uns interaktives Fernsehen, interaktive Hörspiele, warum also nicht auch interaktive Werbe-Filme? Da ist auf jeden Fall noch viel Platz nach oben: Denn wem es wie mir geht, und der sich nach dreißig Sekunden Youtube-Video schon anfängt zu langweilen und bei neuen Musikvideos grundsätzlich alle paar Sekunden in der Zeitleiste nach vorne klickt, findet in diesem Format vielleicht etwas ansprechendere Unterhaltung. Vorausgesetzt sie ist so professionell und fließend umgesetzt wie in „byturen.com“.

Verantwortlich für den Clip zeigt sich übrigens die dänische Werbeagentur Bocca (bocca.dk), nach der man auf der Video-Seite vergeblich sucht. Auch auf ihrer Firmen-Webseite zeigen sie sich zurückhaltend, dort erfährt man aber zumindest, dass zu ihren Kunden vom Teppich-Geschäft Tæppeland über HTC-Smartphones auch das größte skandinavische Billigflug-Unternehmen Norwegian zählt.

Aber wofür wirbt das Video nun? In der letzten Szene werden die Darsteller glücklich und zufrieden auf der sicheren Heimfahrt in einem Bus gezeigt, während sie beim Mouse-Over völlig heruntergekommen und fertig in einer Gasse herumlungern. Dazu der dänische Text: „Ist es Zeit, nach Hause zu kommen?“ und das Logo von Movia, einem dänischen Verkehrsunternehmen.
Also trügt der Schein einer Anti-Alkohol-Kampagne, auch wenn die zeigefingerhebende Warnung, dass man nach zu viel Suff nicht mehr Herr seiner Sinne ist, wohl unmissverständlich mitschwingt. Muss aber nicht unbedingt bei allen Zuschauern so ankommen, wie ein Kommentar auf dem Fun-Blog chilloutzone beweist:
Das Video will uns sagen: „Trinkt mehr Alkohol, die Realität ist scheiße.“
In diesem Sinne, ich nehm dann mal noch einen Pfeffi mit in die Straßenbahn.

(ls)

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